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Trisan

05.12.2018 14:27 Alter: 10 days

Durch die Nacht mit …. der Notärztin Frau Dr. Remakel – Wie deutsche und französische Rettungsfachkräfte gemeinsam Rettungseinsätze durchführen


[c] Remakel

Seit 2002 kooperieren das Centre Hospitalier Intercommunal de la Lauter (CHIL) Wissembourg, das Klinikum Südliche Weinstrasse und die Deutsches Rotes Kreuz Südpfalz GmbH, Rettungswache Bad Bergzabern und sichern so die notärztliche Versorgung im Einsatzgebiet der Rettungswache Bad Bergzabern. Der Ärztemangel in dieser Region hat eine innovative grenzüberschreitende Lösung gefunden: Deutsche und französische Rettungsfachkräfte rücken unter der Woche in den Abend- und Nachtstunden gemeinsam zu Einsätzen aus.

Wir haben uns mit Dr. Claudine Remakel, Leiterin des SMUR (Notarztbesetzter Rettungsdienst) am Klinikum in Weißenburg, unterhalten. Unsere Interviewpartnerin, eine gebürtige Luxemburgerin ist überzeugt, dass Nachbarn, zusammenarbeiten sollen – und wieso sollte das nicht für einen so wichtigen Bereich wie die Notfallversorgung gelten?

Die Deutsches Rote Kreuz Südpfalz GmbH, das Klinikum Südliche Weinstraße Landau – Bad Bergzabern - Annweiler und das CHIL Weißenburg kooperieren nun schon seit mehr als 16 Jahren. Wie ist diese Kooperation eigentlich entstanden?

Die Anfänge der Kooperation zwischen beiden Rettungswachen gehen zurück auf einen Motorradunfall, der 1988 nur ein paar Meter von der Grenze entfernt vorgefallen ist. Bei diesem Unfall war ein deutscher Rettungsassistent Zeuge. Er  hat sich dann die Frage gestellt, wie der Rettungsdienst in Frankreich organisiert ist. Aus den ersten ungezwungenen Kontakten entstand dann nach und nach eine Zusammenarbeit: Man hat sich besucht und hatte Interesse, wie die Notrettung im anderen Land organisiert ist. Diese Zusammenarbeit war nicht von langer Dauer, die Zahl der Einsätze war mit 10 Einsätzen pro Jahr nicht sehr bedeutend und die Zusammenarbeit ist mehr oder weniger eingeschlafen.

Ab 2002 wurde dann die Arbeitszeitregelung für Ärzte in Deutschland umgesetzt: Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit darf nicht überschritten werden, was in vielen Krankenhäusern zu einem Ärztemangel führte. So gab es auch in Bad Bergzabern nicht genügend qualifizierte Ärzte, um die Notfallversorgung im Rettungsdienst rund um die Uhr sicherzustellen. Das Klinikum Südliche Weinstraβe hat sich deshalb an das CHIL in Wissembourg gewandt, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Die Kooperationsvereinbarung aus dem Jahr 2002 ermöglicht es, deutschen und französischen Rettungsfachkräften gemeinsam Einsätze durchführen und sichert die Bereithaltung eines Notarztes für Bad Bergzabern unter der Woche zwischen 19h und 7h durch den französischen Notarzt aus Weißenburg.

Wie oft kommt es denn konkret vor, dass gemeinsame Einsätze durchgeführt werden?

Letztes Jahr sind deutsch-französische Teams zu rund 95 Einsätzen gerufen worden. Wir rücken durchschnittlich 90 bis 100 Mal im Jahr mit dem in Weißenburg stationierten deutschen Notarzteinsatzfahrzeug zum Einsatz nach Deutschland aus. Manchmal gibt es eine Woche lang keine Einsätze, bei denen die Grenze überquert wird, dann in einer Nacht gleich vier Stück!

Wie kann man sich die Zusammenarbeit konkret vorstellen?

Konkret sieht es so aus, dass ein deutscher Notfallsanitäter unter der Woche von 19h bis 7h in Weißenburg mit seinem Notarzteinsatzfahrzeug stationiert ist. Der Notfallsanitäter aus Deutschland führt den Einsatz gemeinsam mit einem französischen Notarzt durch. Mindestens einer im Team muss zweisprachig sein. Ist dies nicht der Fall, werden die beiden von einer Krankenschwester oder einem Krankenpfleger des SMUR Wissembourg begleitet.

In Frankreich rückt der SMUR (notarztbesetzter Rettungsdienst) mit Notarzt, Krankenschwester oder -pfleger und Fahrer (Sanitäter) aus, in Deutschland besteht dagegen das Team aus Notarzt und Notfallsanitäter.

Der Alarm wird von der Leitstelle Landau über einen digitalen Piepser ausgelöst. Die Leitstelle in Straßburg wird per Telefon vom Krankenhaus Wissembourg über den Einsatz in Deutschland informiert, ebenso wird die Leitstelle Landau über Telefon von einem Einsatz in Frankreich informiert.

Material und Medikamente werden von der DRK Südpfalz GmbH zur Verfügung gestellt, aber ein französisches Ampullarium mit den gleichen Notfallmedikamenten wie im SMUR wird an Bord des Notarzteinsatzfahrzeugs mitgeführt und erlaubt es dem französischen Notarzt, beziehungsweise der französischen Notärztin, auf die ihr / ihm bekannten Medikamente zurückzugreifen.

Es scheint ja unterschiedliche Qualifikationen in Deutschland und Frankreich zu geben. Spielen die in der Praxis eine Rolle?

Ja, in der Tat ist der Kontakt oft anders – je nachdem ob man als Notarzt oder Notärztin mit einer französischen Krankenschwester / einem französischen Krankenpfleger oder einem deutschen Notfallsanitäter, bzw. Notfallsanitäterin zu einem Einsatz fährt. Die Notfallsanitäter in Deutschland verfügen über Notfallkompetenzen, haben aber außerhalb des Rettungsdienstes keine Rolle im Krankenhaus. Bei den Krankenschwestern und -pflegern ist es anders: Sie haben keine Notfallkompetenz, da sie nie ohne Notarzt zum Einsatz kommen, sind aber in allen anderen Abteilungen des Krankenhauses einsatzfähig. Man merkt bei einem Einsatz manchmal, dass Notfallsanitäter selbstsicherer gegenüber den Notärzten sind – sie können immerhin viele Entscheidungen eigenständig fällen, was bei den Krankenschwestern / -pflegern nicht der Fall ist.

Ein weiterer Unterschied betrifft die Qualifikation der Notärzte selbst. In Frankreich absolvieren angehende Notärzte eine Facharztausbildung für Notfallmedizin und arbeiten Hauptberuflich in den Notaufnahmen und im arztbesetzten Rettungsdienst. Notärzte haben in Deutschland eine andere Facharztausbildung absolviert – (beispielsweise in Innerer Medizin, Chirurgie oder Anästhesie) und verfügen allenfalls über eine kurze Zusatzausbildung zum Notarzt, wobei sie hauptberuflich in ihrer Fachrichtung arbeiten und nicht in der Notfallrettung.

Kommen wir wieder zurück zum Einsatz selbst. Wie wird in der Situation entschieden, in welches Krankenhaus bzw. auf welche Seite der Grenze ein Patient gebracht wird?

Nachdem der Notarzt die Diagnose gestellt hat, klärt der Notfallsanitäter mit den nächstgelegenen Krankenhäusern, die über die erforderlichen Behandlungsmöglichkeiten verfügen, ab, ob die Einrichtung den Patienten aufnehmen kann. Wenn ein Beatmungsgerät benötigt wird, fragt der Notfallsanitäter beispielsweise beim nächsten Krankenhaus an, ob ein Gerät frei ist. Sollte das nicht der Fall sein, wird weitertelefoniert oder die Leitstelle wird gebeten, einen geeigneten Platz zu suchen.

In Frankreich kümmert sich die Leitstelle nach einer kurzen Rückmeldung durch den Notarzt, um das geeignete Krankenhaus und meldet den Patienten dort an.

Grundsätzlich ist es im Rettungsdienst jedoch kein Problem, einen Patienten auf die andere Seite der Grenze zu bringen.

Hat der Patient denn ein Mitspracherecht bei der Entscheidung, in welches Krankenhaus er gebracht wird?

Hier gibt es Unterschiede in der Gesetzgebung.

Das deutsche Gesetz sieht vor, dass der Patient in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht wird, welches über die notwendige Ausstattung verfügt.

In Frankreich haben Patienten dagegen ein Mitsprachrecht, auf Wunsch kann ein Patient beispielsweise in eine Privatklinik gebracht werden –Trotzdem wird in der Praxis nicht jeder Wunsch erfüllt. Es wird natürlich auf die Verhältnismäβigkeit geachtet. Bei einem einfachen Armbruch transportieren wir einen Patienten nicht von Weißenburg nach Straßburg, da dieser Transportweg für den SMUR eine mindestens dreistündige Abwesenheit von seinem Einsatzgebiet bedeutet.

Noch eine letzte Frage zum Schluss, nachdem wir so lange über Unterschiede geredet haben: Wieso ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass Rettungsdienste grenzüberschreitend zusammen arbeiten?

Für mich ist es unumgänglich mit den Kollegen aus dem Nachbarland zusammenzuarbeiten, Erfahrungen, Erkenntnisse, Ressourcen und Wissen zu teilen, insbesondere wenn es um das Wohl der Menschen vor Ort geht. Ich sehe es als eine persönliche und institutionelle Bereicherung.

Wenn wir in dem Gebiet um Bad Bergzabern zu einem Einsatz ausrücken, werden wir sehr gut empfangen, die Patienten sind immer froh, dass ein kompetenter Notarzt da ist – ganz gleich ob er Deutscher oder Franzose ist. Ich bin stolz zu sagen, dass die Zusammenarbeit in den über 16 Jahren vielen Menschen das Leben gerettet hat.

Die Krankenhäuser Weißenburg und Bad Bergzabern sind nur rund 15 km voneinander entfernt und zudem auch ähnlich groß. Die Kooperation funktioniert gut und die Möglichkeiten zum Ausbau der Zusammenarbeit sind zahlreich, nicht nur im Rettungsdienst.